16 Tage durch Victoria: Mehr als nur die Great Ocean Road
Mal ganz ehrlich: Die meisten Leute fahren die Great Ocean Road, machen ein Foto, klopfen sich auf die Schulter und düsen zurück nach Melbourne. Das ist ein echter Fehler. Victoria steckt unglaublich viel Abwechslung in ein einziges Bundesstaat – von goldenen Stränden über uralte Regenwälder, alpine Gipfel, Weltklasse-Weinregionen bis hin zu einer Food-Szene, die selbst Melbourne neidisch machen könnte. Sechzehn Tage reichen aus, um diesen Staat wirklich zu erleben – und nicht nur hübsch für Instagram abzulichten.
Ich zeig dir eine Route, die in Melbourne startet, die bekannten Highlights abhakt und dann in Gebiete abbiegt, die dich fragen lassen, warum eigentlich alle immer nur an dieselben drei Orte pilgern.
Tag 1–3: Melbourne — Dein Startpunkt
Nimm dir für Melbourne Zeit. Klar, du willst irgendwann weiter – aber verbring die ersten drei Tage damit, dich einzuleben (und deinen Kaffeekonsum auf Vordermann zu bringen).
Was du machst:
- Schlender durch Fitzroy und Collingwood: Street Art, Secondhand-Läden und der beste Kaffee auf dem ganzen Kontinent warten hier
- Häng dich ins Getümmel am Queen Victoria Market – am besten hungrig und am Wochenende
- Guck dir den Sonnenuntergang in St Kilda an und diskutiere mit Einheimischen über die beste Pie-Bäckerei (die Antwort ist immer die, in der sie aufgewachsen sind)
Praktischer Tipp: Miet den Wagen direkt in der Stadt. Die Preise sind oft nur ein Bruchteil von dem, was du am Flughafen zahlst. Vergleichsportale nutzen und vorher genau checken, was die Versicherung wirklich abdeckt.
Tag 4–7: Great Ocean Road — Der Klassiker, diesmal richtig
Hier verpatzen die meisten ihre Reise: Sie donnern die Great Ocean Road in zwei Tagen durch. Du bist schlauer. Mit vier Tagen kannst du sie tatsächlich genießen.
Stopp 1: Geelong — Pausier für ein Mittagessen, nicht nur für ein Foto. Die Uferpromenade bietet gute Meeresfrüchte und einen ordentlichen Kaffee, bevor du dich auf den vollen Küstenabschnitt einlässt.
Stopp 2: Torquay und die Surf Coast — Surfer? Ab ins Wasser, wenn die Bedingungen passen. Kein Surfer? Zuschauen und fragen, warum man die letzten Jahre an Land verschwendet hat.
Stopp 3: Die Zwölf Apostel und Port Campbell Nationalpark — Ja, voll. Ja, ikonisch. Geh trotzdem hin – aber bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wenn die Tourbusse weg sind und der Kalkstein in Bernstein-Tönen leuchtet. Die Gibson Steps zum Strand runter sind weniger abgeknipst und genauso beeindruckend.
Stopp 4: Otway-Regenwald — Hier schwenkt die Reise um. Verlass die Küste und fahr rein in die Otway Ranges. Stell dich unter Bäume, die älter sind als dein gesamtes Land, und hör einfach mal … nichts. Nur Vogelgesang.
Unterkunfts-Trick: Die großen Resorts an der Strecke? Nee. Such dir stattdessen Farm-Stays und B&Bs in den Otways. Billiger und viel einprägsamer.
Tag 8–9: Die Grampians — Uraltes Land, aktuelle Abenteuer
Jetzt geht's rein ins Landesinnere, in den Grampians-Nationalpark (Gariwerd, wie die Djab Wurrung ihn nennen). Hier lohnt es sich für Wanderfans, Liebhaber indigener Felskunst und alle, die Landschaften mögen, die sich anfühlen wie aus einer anderen Zeit.
Highlights:
- The Pinnacle bei Halls Gap – machbar, Ausblick: umwerfend
- Mackenzie Falls – das ganze Jahr über Wasser, Taschenlampe mitbringen für die Höhle
- Boronia Peak bei Sonnenuntergang – Traumkulisse für Fotografen
Spartipp: Die Nationalpark-Jahreskarte deckt mehrere Orte ab und kostet kaum mehr als einzelne Eintritte. Hol sie im Besucherzentrum in Halls Gap.
Tag 10–12: Das High Country — Victorias bestgehütetes Geheimnis
Jetzt wird's richtig spannend. Das High Country im Nordosten Victorias liegt im Schatten der Australian Alps und bietet Bergkulissen, erstklassiges Essen und Trinken sowie Outdoor-Aktivitäten, die internationale Touristen komplett übersehen.
Mansfield und Mt. Buller: Selbst wenn du nicht Ski fährst (Saison ist Juni bis Oktober) – die Auffahrt ist spektakulär. Im Sommer wird's Wandergebiet.
Beechworth — Meiner Meinung nach die schönste Stadt in ganz Victoria. Goldrausch-Architektur, famose Bäckereien und eine davon hat tatsächlich die weltbeste Pie gebacken (kein Witz). Plan hier einen ganzen Nachmittag ein.
Bright — Im Herbst sieht diese Stadt aus wie von einer Postkarte. Das Laub rivals mit jedem Ort in Neuengland, aber niemand redet drüber, weil kaum jemand Bescheid weiß. Radfahren, Weingüter besuchen, Cafés genießen – perfekter Tag zum Durchatmen.
Tag 13–14: Murray River und Rutherglen
Richtung Norden, fast bis zur Grenze nach New South Wales. Der Murray River markiert die Grenze zwischen Victoria und NSW – und auf victorianscher Seite liegen einige der ältesten Weinregionen des Landes.
Rutherglen verdient mindestens zwei Tage. Hier geht's um Muscat und Muscadelle – die lokalen Likörweine räumen seit den 1850ern Auszeichnungen ab. Besuch die Keller von Campbell's, R. Buller & Son und Chambers und versteh, warum diese Tropfen in jedes ernsthafte Weinwörterbuch gehören.
Praxis-Hinweis: Dezember bis Februar? Buch die Unterkunft in Rutherglen früh. Das ganze Wochenende reisen Melbourner hierher, um der Sommerhitze zu entfliehen.
Tag 15–16: Zurück über das Yarra Valley
Bevor du wieder in der Stadt ankommst, mach noch einen Abstecher ins Yarra Valley. Eigentlich liegt es näher an Melbourne – aber die Route von hier zurück funktioniert besser. Weinverkostung vor einer langen Fahrt? Naja. Weinverkostung nach einer langen Fahrt? Absolut.
Profi-Tipp: Engagiier für den Tag einen Fahrer über eine lokale Firma. Ja, kostet mehr upfront. Nein, DUI droht nicht. Beides klare Vorteile.
Was du buchen solltest: TarraWarra Estate für Kunst UND Wein, Yering Station für das Rundum-Paket, Coldstream Brewery weil man manchmal einfach ein Cider braucht.
Was ich anders machen würde
Sechzehn Tage klingen lang – bis du mittendrin bist und merkst, dass du locker einen weiteren Monat hier bleiben könntest. Victoria belohnt Neugierige. Guten Kaffee findet man in Dörfern mit einem einzigen Pub, und Weltklasse-Erlebnisse verstecken sich an Orten, die in keinem Reiseführer stehen.
Meine Anpassungen:
- Einen Grampians-Tag gegen mehr High Country tauschen, wenn du Berge liebst
- Extra Tage in Melbourne einplanen, falls Essen und Kultur dein Ding sind
- Rutherglen skippen, wenn Wein dich nicht interessiert – dann eher ins Gippsland-Gebiet ausweichen
Grundregeln für unterwegs:
- Lad dir Offline-Karten runter, bevor du Melbourne verlässt – Empfang wird schnell mal dünn
- Tank immer voll, wenn du eine Station siehst. Geh nicht davon aus, dass der nächste Ort eine hat
- Januar und Februar bedeuten Buschfeuer-Risiko – check die Bedingungen und hab einen Plan B in der Hinterhand
Das Schöne an einer Selbstfahrer-Reise? Die Flexibilität. Nutz diesen Routenvorschlag als Gerüst, nicht als Fesseln. Die besten Momente auf jeder Victoria-Reise passieren, wenn du falsch abbiegst, ein Schild siehst, das du noch nie gelesen hast, und beschließt: Da will ich jetzt hin.
Gute Fahrt.